19. April 2014  Quelle: Badische zeitung (http://www.badische-zeitung.de/)

Wässerwiesen: Für den Storch – und die Ökopunkte

In Oberschopfheim wird eine 100 Jahre alte Wässerwiese reaktiviert, schon 2013 soll erstmals geflutet werden

Michael Jäckle an einer Abzweigung des historischen Grabensystems mit Stauwehren.

 

Die Wiese soll in Zonen bewässert werden.

Das muss hier alles noch weg" – Oberschopfheims Ortsvorsteher Michael Jäckle stapft durch braunes trockenes Schilfgras entlang eines Hains aus Sträuchern und Weiden. Der Hain säumt einen kleinen Graben, der als solcher kaum zu erkennen ist. Jäckle schreitet voran, deutet gleichzeitig auf das Gehölz und wiederholt sich: "Das muss da alles weg." Auf dem 20 Hektar großen Gebiet auf der Oberschopfheimer Allmend soll eine historische Wässerwiese reaktiviert werden. Ein großes Projekt, das sich die Gemeinde Friesenheim eine Stange Geld kosten lassen will: Allein 140 000 Euro kostet die Reaktivierung. Wegen der Bäume und Sträucher entlang der historischen, zum Teil verfallenen Gräben könne der Bagger die Grabensohle kaum erreichen. Erst muss also gerodet werden. Das hat eine Firma an einer Reihe von Gräben bereits im großen Stil erledigt. Viel totes Holz liegt dort jetzt auf großen Haufen. Knapp 5000 Euro jährlich soll der Unterhalt der Wässerwiese kosten.

Die historische Wässerwiese im Oberschopfheimer Gewann Allmend westlich der Bahnstrecke und südöstlich der Schutterzeller Mühle (siehe Grafik) ist von einem 100 Jahre alten Grabensystem durchzogen. Damals gab es sogar einen Allmendbeauftragten in Diensten der Gemeinde, der die Stauwehre per Hand bediente und dafür sorgte, dass die richtige Menge Wasser aus der Schutter durch das Grabensystem auf die Wiese gelangte. Dadurch entstanden Feuchtwiesen und Sumpfzonen, wo sich Wasser- und Feuchtpflanzen ansiedelten. Amphibien fanden Lebensräume und mit ihnen eine ganze Reihe anderer Tiere. Zum Beispiel der Weißstorch. Damit er wieder die Rathausdächer besiedeln kann, reicht es nicht, Nester aufzubauen. Störche brauchen Futter – Frösche. In den Wässerwiesen wird es davon mehr als genug geben, damit der Storchennachwuchs durchkommt.

Von den Wässerwiesen mit Silgengewächsen, den Streuwiesen mit Pfeifengräsern und einem Wiesensumpf mit Seggenriedern, Binsen und Röhrichten profitieren aber auch andere Tierarten, mit ganz speziellen Ansprüchen an ihre Umwelt, etwa der Große Brachvogel oder die Bekassine. Aus Sicht der Landwirte reduziert das Wasser auf der Wiese Schädlinge im Boden, die Bodenqualität wird verbessert.

Seit 2010 laufen die Planungen, die Oberschopfheimer Wässerwiese zu reaktivieren. Ortsvorsteher Michael Jäckle hat sich von Anfang an für das Projekt starkgemacht. Geht es in Sitzungen um das Thema, merken Zuhörer schnell: Die Wässerwiese ist Jäckle ein persönliches Anliegen. Vielleicht ja auch, weil ihn mit der Allmend, wie sie früher war, persönliche Erinnerungen verbinden: "Ich war hier schon als kleiner Bub unterwegs. Damals gab es hier ja noch viele Frösche. In den Gräben hat es überall gequakt."

Der Kommunalpolitiker hat aber auch ganz nüchterne Sachgründe für das Vorhaben. Stichwort Ökokonto. Seit 2008 gibt es das bei der Gemeinde Friesenheim. Wird eine Ackerfläche zur Wiese umgewandelt, bringt das Punkte, die diesem Konto gutgeschrieben werden. Die Punkte können im Gegenzug zum Beispiel die Ausweisung eines Neubaugebiets ausgleichen. Bislang sind die Wässerwiesen das einzige Vorhaben, das ein Guthaben aufs Friesenheimer Ökokonto bringen könnte.

Geplant ist, die Wässerwiese mindestens einmal im Jahr zu fluten. Das soll laut Planung von Süden her über das dann wiederhergestellte Grabensystem funktionieren. Abfließen könnte das Wasser nach Norden. Ewald Schaubrenner regte eine Ortsbesichtigung mit dem Ortschaftsrat an. Michael Jäckle nahm den Vorschlag auf.

 


 Geschichte der Wässerwiesen
Die Wiesenbewässerung war in den vergangenen zwei Jahrhunderten in Mitteleuropa weit verbreitet. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte nach Bayern das Großherzogtum Baden den größten Anteil an bewässerten Wiesen. Um 1950 wurden in vielen badischen Gemeinden noch nahezu alle Wiesen bewässert, so in Freiburg 753 Hektar, in Offenburg 631 Hektar. In den Amtsbezirken Freiburg, Bühl, Emmendingen und Oberkirch überwogen die bewässerten Flächen deutlich die nicht bewässerten Wiesenflächen. Am Oberrhein war Wasser allerdings oft eine knappe Ressource. Schon früh wurden deshalb Gesetze erlassen, die die Wasserverteilung sicherstellen sollten. Der Niedergang der Wiesenbewässerung am Oberrhein begann um 1930. Gründe waren das Aufkommen von Kunstdünger und Insektiziden, die die aufwändige Bewässerung überflüssig machten. Im Zuge der Mechanisierung der Landwirtschaft waren die Grabensysteme oft hinderlich und wurden untergepflügt. Seit 1985 erlebt die Wiesenbewässerung eine Renaissance. Dabei sind der Erhalt von Landschaftselementen oder technischen Denkmälern der Wässerwiesen oder die Aufwertung von Naherholungs- und Naturschutzgebieten die Ziele.

Der große Bruder Elz
Bedeutendste Beispiele für eine intakte Wiesenbewässerung im Oberrheingebiet sind die Elzwässerwiesen bei Rheinhausen und Kenzingen. Ein Großteil des dortigen Naturschutzgebiets über 400 Hektar ist bewässert. Die Wiesen- und Wässerungsgenossenschaft betreibt und pflegt das dortige Ökosystem.

 

 

 

Pressemitteilung